Helmut Markwort:Linke aller Schattierungen, aber wehe, ein Rechter tritt auf.

Samstag, 24.10.2015, 00:00 · von FOCUS-Herausgeber Helmut Markwort
Montag Ein einziger Mensch löste bei Günther Jauch gleich zwei „Eklats“ aus, wie viele Medien schrieben und Einzelkämpfer twitterten.

Ein „Eklat“ ist im allgemeinen Sprachverständnis nicht ganz ein Skandal, soll aber wenigstens ein Skandälchen sein. Der Doppel-eklat geht auf das Konto von Björn Höcke, Landesvorsitzender der in Thüringen und dort selbst Mitglied des Landtags.
Sein kleiner Eklat: Er wolle ein Bekenntnis ablegen, sagte er zu Beginn der Sendung, zog eine Bundesflagge aus seiner Jackentasche und legte das schwarz-rot-goldene Symbol über die Armlehne seines Sessels. In der Runde fiel niemandem eine Reaktion ein, aber Bild.de. schrieb noch in der Nacht: „Irrer AfDler provoziert mit Deutschland-Fahne!“
Was für eine aberwitzige Situation, dass eine Nationalflagge als Provokation empfunden werden kann. Hätte ein Teilnehmer sie als Nadel am Revers getragen, hätten die sie vermutlich nicht einmal eingefangen.
Der große Eklat von Björn Höcke aber war die Tatsache, dass er überhaupt in der Runde saß. Die Beschimpfungen gegen Günther Jauch, die Verbotsaufforderungen an die ARD und die veröffentlichte Entrüstung darüber, dass ein AfD-Politiker im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit-reden durfte, kennzeichnen ein zerstörtes Meinungsklima.
Rosa Luxemburg hat ihren berühmten Satz zwar nur systemintern gemeint, aber er muss auch darüber hinaus gelten: Freiheit ist immer nur Freiheit des Andersdenkenden. Bei uns endet die Toleranz schnell an der Grenze des eigenen Denkspektrums.
Wer anders denkt, wird ausgegrenzt. Ich zweifle, ob in unserem System ein Kandidat wie der durchgeknallte Amerikaner Donald Trump hätte auftreten dürfen. Während linke Politiker aller Schattierungen unwidersprochen zur Stammbesetzung der Talkshows gehören – die Alt-Stalinistin Sahra Wagenknecht liegt mit acht Auftritten in den ersten neun Monaten sogar an der Spitze der Jahrestabelle -, werden Andersdenkende nur unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen oder gar nicht eingeladen.
In diese Kategorie gehört auch das Gastspiel von Björn Höcke. Dass Günther Jauch ihn eingeladen hat, ist fast ein Tabubruch, war aber wohl nicht so gemeint. Die Redaktion wollte ihrem Publikum nicht nahebringen, warum die AfD in Umfragen wieder zulegt und welche Personen nach Bernd Luckes Abgang jetzt diese rechte Partei prägen.
Die Dramaturgie mit ihren Einspielfilmen war darauf angelegt, den ungeübten Gast als Rechtsradikalen vorzuführen, als Fremdenfeind, als Rassisten, ja als Nationalsozialisten.
Das Publikum wird sich sein eigenes Bild machen. Die Zuschauer urteilen am liebsten nach ihrer persönlichen Beobachtung und lassen sich nicht gerne von Moderatoren gängeln.

Ob Björn Höcke mit seinem Fähnchen und seinen Argumenten Punkte als Demokrat gesammelt oder ob er das Klischee des Hasspredigers verstärkt hat, entscheiden Wähler und Nichtwähler.

Text: Helmut Markwort Bild: dpa